NY
Zurück zum Blog
Aus der Klinik7. September 20263 Min. Lesezeit

Okuläre Rosazea: mehr als eine Hauterkrankung

Der Patient, der von seiner Rosazea nichts weiß

Einige der lehrreichsten Patienten meiner Hornhautsprechstunde kommen mit der Diagnose „chronische “ oder „therapieresistentes Trockenes Auge“. Das Gesicht rötet sich vielleicht bei Wärme oder nach scharfem Essen, manchmal wirkt die Haut aber auch nahezu unauffällig. Erst wenn ich die Lider ektropioniere und die Meibomdrüsen exprimiere, zeigt sich das typische Bild: Es handelt sich um eine .

Eine Augenbeteiligung ist bei Rosazea häufig und kann den Hautveränderungen vorausgehen – genau deshalb wird sie so oft übersehen. Der Dermatologe behandelt die Wangen, der Augenarzt den Tränenfilm, und der Lidrand, an dem sich die Erkrankung tatsächlich abspielt, fällt in niemandes Zuständigkeit. Da die Zeichen – Rötung, Brennen, rezidivierende Hordeola – zudem einer gewöhnlichen Blepharitis ähneln, können Jahre vergehen, bis der Zusammenhang erkannt wird.

Worauf ich achte

  • Teleangiektasien entlang der Lidkante – das aussagekräftigste Einzelzeichen
  • Verlegte oder prominente Meibomdrüsenausführungsgänge mit trübem, mitunter zahnpastaartigem Sekret
  • Rezidivierende , insbesondere an denselben Lidern
  • Ein evaporatives Trockenes Auge, das im Verhältnis zur Tränenmenge unverhältnismäßig ausgeprägt ist
  • Anamnestisch Flush-Episoden oder Auslöser wie Hitze, Sonne, scharfe Speisen und Alkohol
  • In fortgeschrittenen Stadien konjunktivale Hyperämie und Hornhautneovaskularisationen am unteren Limbus

Der eigentliche Motor der Erkrankung ist die (MDD): Entzündete, verlegte Drüsen bilden ein qualitativ minderwertiges Sekret, der Tränenfilm verdunstet, die Augenoberfläche entzündet sich ihrerseits – und der Kreislauf hält sich selbst aufrecht.

Pralle Drüsenbläschen (Azini) umgeben einen offenen Ausführungsgang; das Öl fließt ungehindert aus der Drüsenmündung in den Tränenfilm.

Die Meibomdrüsen im Augenlid bilden das Öl, das Ihre Tränen vor dem Verdunsten schützt. Ziehen Sie das Modell, um es zu drehen — und sehen Sie, wie sich die Drüse bei zunehmender Verstopfung verändert.

Was uns die Biologie zeigt

Dieser Kreislauf steht seit Jahren im Mittelpunkt meiner eigenen Forschung. Unsere Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass Patienten mit okulärer Rosazea einen messbaren oxidativen Stress aufweisen, sowohl an der Augenoberfläche als auch systemisch, verbunden mit einer vermehrten Expression des Toll-like-Rezeptors 4 (TLR4). Diese Befunde sprechen dafür, die Rosazea als systemische Entzündungsneigung und nicht als rein lokales Lidproblem zu verstehen.

In diesem Jahr hat eine Arbeit, an der ich gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen beteiligt war, das Verständnis weiter vertieft. In unserer 2026 in Nature Communications erschienenen Publikation „Cross-species transcriptomics identify mineralocorticoid receptor pathway overactivation as a central driver of ocular rosacea“ konnten wir speziesübergreifend zeigen, dass eine Überaktivierung des Mineralokortikoidrezeptor-Signalwegs die Meibomdrüsendysfunktion und den Augenoberflächenschaden bei Rosazea antreibt. Die Studie identifiziert zudem S100A9 als möglichen Biomarker und zeigt vor allem, dass eine Blockade des Mineralokortikoidrezeptors ein plausibler therapeutischer Ansatz ist. Für ein Gebiet, das lange auf warme Kompressen und empirisch eingesetzte Tetrazykline angewiesen war, ist ein mechanistisch begründeter Angriffspunkt tatsächlich neu.

Was ich mir immer wieder vor Augen führe

  • Bei jeder Vorstellung wegen Trockenen Auges zuerst das Gesicht ansehen, dann an die Spaltlampe: Die Haut liefert oft den ersten Hinweis.
  • Die Meibomdrüsen immer exprimieren. Eine eindeutige Diagnose der MDD verändert das gesamte Therapiekonzept.
  • Das Lid behandeln, nicht nur den Tränenfilm: Lidrandhygiene und Wärmeanwendung für die Drüsen, bei Bedarf ergänzt durch antientzündliche Therapie oder Behandlungen in der Praxis.
  • Die Erwartungen früh klären. Die Rosazea ist eine chronische Erkrankung, die wir gemeinsam kontrollieren, keine Infektion, die sich einmalig heilen lässt.
  • Mit der Dermatologie zusammenarbeiten. Patienten profitieren am meisten, wenn beide Seiten der Erkrankung behandelt werden.

Wenn mir das nächste Mal ein Patient sagt, seine Augen „brennen ohne Grund“, werde ich weiterhin auf seine Lidränder schauen – und nun auch an die zugrunde liegende Biologie denken.

okuläre RosazeaMeibomdrüsendysfunktionTrockenes Augeoxidativer Stress